REVIEW: Gomi Kuzu Can (JeGong)
BY Meisenkaiser
Früher kam man mit einem schweren Metallschlüssel in sein Hotelzimmer. Heute piept eine Keycard, die Tür gleitet lautlos auf, und irgendwo flackert doch ein Bildschirm, der aussieht, als hätte er 1986 vergessen, zu altern. So ungefähr klingt „Gomi Kuzu Can“, was laut Übersetzer Japanisch ist und „Müllgefühl“ bedeutet. So weit ist es nicht gekommen, aber „echte“ Songs bauen JEGONG (die Kooperation von Dahm Majuri Cipolla (Mono) und Reto Mäder (Sum of R.) eigentlich nicht. Die Scheibe klingt eher wie ein Soundtrack für ein Videospiel oder einen Achtziger-Film. Krautrock-Motorik trifft auf Elektronik, die wirkt, als hätte man eine leerstehende Arcade-Spielhalle ans neue Solarstromnetz angeschlossen. „Sister“ ist wie eine Endlosschleife aus einem Open-World-Spiel, in dem man sein Ziel vergessen hat. Auch der Sound ist leicht verwaschen, klingt, wie das Bild einer alten VHS-Kassette auf dem Smart-TV wirkt. Aber warm. Anachronismus als Konzept. Erdiger formuliert: Angesprochen fühlen sollten sich Fans von zum Beispiel Tangerine Dream. Aber es ist mehr. Denn „Chalk“ klingt, als sei Tubeway Army mit Gary Numan wiederauferstanden aus Ruinen. JEGONG ist Experimental, Krautrock, Post-Rock, Ambient, was auch immer. Und wenn ihr „Patterns“ in euch aufnehmt, vielleicht sogar ein bisschen berauscht seid von „was-weiß-denn-ich“, dann könntet ihr plötzlich unter akutem Verfolgungswahn leiden, denn der Song wirkt wie ein Spaziergang durchs nächtliche Tokio – nachts, allein, ohne Orientierung, ohne Plan, verfolgt eben und verzweifelt. „Gomi Kuzu Can“ erschafft seltsame Zeitlosigkeit, ist retro, ohne nostalgisch zu sein. Futuristisch, aber nicht glatt. Loggt euch ein ins System JEGONG, und ihr merkt irgendwann, dass die Musik wie ununterbrochen läuft. Wie ein Spiel, das kein „Game Over“ kennt. Erstaunlich.



