REVIEW: Soldatenschicksale (Kanonenfieber)
BY Erik Bosbach
Zwischen Schützengraben und Maschinenraum: Wenn Geschichte hörbar wird
Mit „Soldatenschicksale“ legt KANONENFIEBER keine klassische neue Veröffentlichung vor, sondern eine Zusammenführung mehrerer EPs, ergänzt um neues Material. Was zunächst wie eine reine Werkschau wirken könnte, entpuppt sich als in sich geschlossenes Gesamtbild, das sowohl musikalisch als auch inhaltlich konsequent funktioniert.
Musikalisch bewegt sich „Soldatenschicksale“ im Spannungsfeld von Black Metal, Death Metal und martialischem Midtempo voll bedrückender Dynamik. Die Songs wirken wie mechanische Abläufe, die sich unaufhaltsam vorwärts bewegen: nicht triumphierend, sondern schwer und zermürbend. Die Riffs sind häufig tief gestimmt, kantig und repetitiv, fast wie endlose Märsche, während das Schlagzeug zwischen stampfendem Groove und explosiven Blastbeats pendelt. KANONENFIEBER arbeiten viel mit Samples, die wie Funk- und Gefechtsdurchsagen klingen, was dokumentarisch rüber kommt. Die Texte basieren oft auf Originalquellen aus Feldpost, Befehlen, Tagebüchern und historischen Zitaten.
Der Opener „Z-Vor!“ stellt einen der neuen Tracks dar und ist ein wuchtiger Einstieg, bei dem die Gitarren wie sich verkantende Stahlplatten aneinanderreiben. Das Drumming wirkt kontrolliert, fast diszipliniert, als würde jeder Schlag einem starren Befehl folgen. In einem Funkspruch wird die Manchschaft einer Hochseeflotte der deutsche Marine im ersten Weltkrieg auf den Kampf gegen die Engländer eingeschworen. Hier wird kein poetisches Bild genutzt, sondern eine konkrete Kriegsszene nachempfunden: die Spannung vor dem Gefecht und Bereitschaft vor dem anstehenden Feindkontakt.
„Heizer
Tenner“ arbeitet mit abrupten Tempowechseln und spannungsgeladenen
Pausen. Bass und Gitarre greifen hier besonders eng ineinander,
erzeugen ein brodelndes Fundament, über dem sich die Vocals wie
Hitze flimmernd ausbreiten. Der Song schildert das Schicksal des
Soldaten namens Tenner, der entmenschlicht als unsichetbarer Arbeiter
am Kessel des Maschienenraums ackert. Die Stimme brüllt und schreit
gepresst und gequält.
Frühere EP-Songs im neuen Kontext
Stücke wie “Kampf und Sturm“ oder „Der Füsilier“ gewinnen in dieser Zusammenstellung an Wirkung. Die EP „U-Bootsmann“ mit den Tracks „Kampf und Sturm“ und „Die Havarie“ lebt von einem drückenden Aufbau, bei dem die Gitarren wie Wasser über einen Rumpf gleiten, bis die Blastbeats alles in beklemmende Tiefe ziehen. Feine Tremolo-Gitarren peitschen durch den Song wie Regen im Sturm, während das Schlagzeug eine fast panische Dringlichkeit entwickelt. Hier wird die Musik selbst zum erzählerischen Mittel und es zeigt sich die Stärke von KANONENFIEBER, Spannung nicht über Geschwindigkeit allein, sondern über kontrollierte Eskalation zu erzeugen und dabei sehr eingängig zu bleiben. Zu „Ahoi“-Rufen erklingt melodisches Gitarrenflimmern. „Der Füsilier 1“ dagegen ist fast schon hymnisch, allerdings auf eine kalte, nüchterne Art. Das stampfende Midtempo-Riff wirkt wie ein endloser Marsch an der Ostfront. „Der Füselier 2“ ist noch melodischer und entpuppt sich als Ohrwurm. Es folgt das Material der EP „Yankee Division“, welche nach dem Debut „Menschenmühle“ veröffentlicht wurde. Bei den Songs zur Westfront wirkte passender Weise der inzwischen verstorbene Amerikaner Trevor Strnad von THE BLACK DAHLIA MURDER mit. Zu „Die Fastnacht der Hölle“ erklingt ein Sound, der an Melodic Death Metal erinnert und rhtmisierende Riffing-Parts begleiten „Links 234“-Text-Phrasen.
Atmosphäre statt Heroismus
Trotz martialischer Ästhetik und historischer Bezüge wirkt nichts glorifizierend. Die oft kritisierte Nähe von Metal zu Kriegsromantik wird quasi umgangen, weil die Musik nicht erhebt, sondern erdrückt. Die Songs fühlen sich eher an wie Momentaufnahmen, nicht wie Siegesberichte. Die Liveshow mit Pickelhauben und Co. der anonymen Truppe wirkt jedoch eine Spur zu karnevalistisch, wobei das natürlich Geschmacksache ist.
Naheliegend ist ein Vergleich zu den Genrekollegen von 1914 und MINENWERFER.1914 sind in der Riffarbeit aber oft schleppender, insgesamt sludge-lastiger und irgendwie nihilistischer, wohingegen KANONENFIEBER melodischer agieren. MINENWERFER sind in der Präsentation harscher.
Die Compilation kann vor allem für Neueinsteiger praktisch sein, man erhält eine guten Überblick. Die Produktion von „Soldatenschicksale“ ist dicht und voller Wucht; eine restaurierte Rohfassung. Die neuen Stücke fügen sich organisch ein und erweitern das Klangbild.„Soldatenschicksale“ ist keine leichte Kost, KANONENFIEBER verbinden drückenden Black/Death-Metal mit einer nüchternen, bildlichen und beinahe dokumentarischen Haltung zum Thema Krieg.



